Das Märchen der atmenden Wände ist fast 200 Jahre alt. Seine Ursprünge gehen auf eine Theorie des Chemikers und Hygienikers Max Josef von Pettenkofer (1818–1901) zurück, der davon ausging, dass durchlässige Baustoffe den Luftwechsel im Gebäude sicherstellen. Seine Ideen wurde bereits Anfang des 20. Jahrhunderts widerlegt. Der Mythos hält sich jedoch bis heute hartnäckig in der Baubranche.
Unbegründete Skepsis
Man hört es immer wieder, wenn Laien und sogar Profis über die aus ihrer Sicht optimale Gebäudehülle diskutieren: „Zu dicht darf die Wand nicht sein, sonst kann sie nicht mehr atmen“ oder „Wände müssen atmen, damit das Raumklima gesund ist und kein Schimmel entsteht“. Das Haus mit zugeschnürter Kehle und Bewohnern, die vor schimmligen Wänden nach Luft schnappen? Bei solchen Bildern wundert es nicht, dass die Skepsis vor der möglichst luftdichten Bauweise und dicken Dämmschichten nach wie vor groß ist.
Der Luftwechsel und das Raumklima
Grundsätzlich stimmt es, dass ein gesundes Raumklima in jedem Fall gewährleistet sein muss. Hierfür ist neben wohngesunden Baustoffen vor allem ein ausreichender Luftwechsel wichtig. Um ein gesundes Innenraumklima und das Wohlbefinden der Bewohner sicherzustellen, ist ein Mindestluftwechsel des 0,5- bis 0,7-Fachen des Raumvolumens erforderlich. So werden Feuchtigkeit und Schadstoffe aus der Raumluft abtransportiert und Feuchteschäden sowie das Risiko von Schimmelpilzbildung reduziert. Die Frage ist nun, ob eine „atmende Wand“ diesen Luftwechsel sicherstellen kann.
Wände atmen nicht

Früher, als sich Menschen dichtere Wände, Dächer und Fenster gewünscht haben, damit die mühsam erzeugte Heizwärme nicht hinausgeweht wird, war es leichter zu erkennen, welch negativen Einfluss unkontrollierter Luftwechsel hat.
Heute findet dieser chaotische Luftwechsel versteckter, unauffälliger und weniger gravierend statt, weshalb ihm vermutlich weniger Bedeutung beigemessen wird. Zuggefühl, ein unangenehmes Raumklima, ausgekühlte Wandflächen und Kaltluft über dem Fußboden sind häufig Indizien dafür, dass die Heizwärme nicht im Wohnraum bleibt, wo sie hingehört. In diesen Fällen besteht Optimierungsbedarf.
Gesunder Luftwechsel
Um solche Wärmeverluste und Komforteinbußen zu vermeiden, „atmen“ moderne Gebäudehüllen nicht. Sie sind stattdessen luftdicht, wodurch Heizenergieverluste minimiert werden. Luftdicht heißt dabei, ein Bauteil ist so dicht wie eine gemauerte und sorgfältig verputzte Wand. Dazu gehört: Fenster schließen lückenlos und Leichtbaukonstruktionen, wie Dächer, sind mit Luftdichtheitsschichten – bestehend aus Dampfbremsen, Spezialklebebändern und Dichtklebern – ausgestattet. Der Luftwechsel wird durch richtiges und ausreichendes Lüften (Stichwort Stoßlüften) oder durch Lüftungsanlagen sichergestellt. Auf diese Weise findet der Luftwechsel effizient statt, ohne dass der Vorgarten mitgeheizt wird.
Dicht und dennoch offen
Luftdicht heißt jedoch ausdrücklich nicht „hermetisch versiegelt“. Die heute gängige und zu bevorzugende Bauweise ist luftdicht und gleichzeitig diffusionsoffen. Zugluft sowie unkontrollierter Luftwechsel werden verhindert und der Heizenergieverlust klein gehalten. Feuchtigkeit, die in der Raumluft vorhanden ist, kann jedoch in einem gewissen Maße von innen nach außen durch die Gebäudehülle wandern – zwar langsam, aber dafür kontinuierlich und sehr effektiv, bis sie an der Außenseite angekommen ist.
Wichtig ist dabei, dass Wasserdampf nicht auf seinem Weg nach draußen zu Tauwasser wird. Seriöse Bauteilberechnungen stellen sicher, dass die Konstruktionen sicher sind, kein Tauwasser ausfällt und Bauteile nicht schleichend durchfeuchtet werden. Kräftig „atmen“ müssen dabei aber weder Baustoffe noch Wände.