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15. April 2026  (aktualisiert am 3. Juni 2026)

Nistfassaden im 3D-Druckverfahren: Lebensräume für Tiere in Städten

von  textbroker | 7 Min. Lesezeit | #Nistfassaden  #Häuserfassaden  #Sanierung  #Fassadenelemente  #Gebäudehüllen 
Jetzt im Audioformat verfügbar!

In urbanen und dicht besiedelten Umgebungen sind Lebensräume für Tiere knapp. Das gilt selbst für kleinere Lebewesen wie Vögel oder Igel. Ein neues und innovatives Konzept für Nistfassaden möchte dieses Problem nun angehen. Mithilfe des 3D-Druckverfahrens sollen Häuserfassaden Möglichkeiten zum Nisten und Unterschlüpfen erhalten.

Neuartige Nistfassaden sollen Biodiversität in Städten erhöhen

Vollautomatischer 3D Industriedrucker der Beton schichtweise aufträgt.
Forschende der Technischen Universität München haben eine spezielle Nistfassade entwickelt, die für die Nachrüstung an Häuserwänden gedacht ist. Die Nistfassade entsteht im 3D-Druckverfahren, ihre Fertigung wird von Robotern gesteuert. Die Planung findet vollständig digital statt. Durch die 3D-Drucktechnik ist das Verfahren adaptiv und flexibel, damit gelingt die individuelle Anpassung an unterschiedlichste Arten von Häusern. Auf diese Weise entstehen einzelne Elemente, aus denen sich beliebig große Nistfassaden erstellen lassen. Diese sind für die Montage auf hinterlüfteten Fassadensystemen geeignet. Als Material setzen die Forschenden chamottehaltigen Ton ein, der zum einen sehr gut recycelbar ist. Zum anderen kommt bereits bei der Fertigung Recycling-Material zum Einsatz. So bestehen die Nistfassaden zu 40 Prozent aus wiederverwendetem Ton .

Der Einsatz von Ton hat aber noch weitere Gründe. So ist das Material für die meisten Tierarten, die in der Fassade Unterschlupf finden sollen, gesundheitlich vollkommen unbedenklich. Als natürlicher Baustoff bietet es den Tieren eine Heimat, die sehr dem natürlichen Nistplatz ähnelt. Die Geometrie der Elemente ist so gestaltet, dass eine Selbstverschattung stattfindet. Denn die Forschenden haben bei der Entwicklung die Exposition der Sonne und den Winddruck berücksichtigt. Dadurch verhindert die Nistfassade eine Überhitzung und schützt die Tiere.

Panoramablick auf die Gebäude und Architektur des Campus und Forschungszentrums der TUM (Technische Universität München
Das Ziel des Projekts ist es unter anderem, Fassaden von Gebäuden nicht mehr nur nach funktionalen Eigenschaften zu planen.
Vielmehr spielen bei der Nistfassade auch ökologische und ästhetische Gesichtspunkte eine wichtige Rolle.
Dies gehört zu den nachhaltigen Ansätzen des Projekts Ecolopes an der TU München , aus dem die Nistfassade hervorgegangen ist. Die erste Fassade dieser Art wurde im Sommer 2025 an der Kinder- und Jugendfreizeitstätte „Südpolstation“ des Münchner Vereins Feierwerk eingeweiht.
Die Forschenden möchten vor allem Erfahrungen unter realen Bedingungen sammeln und die Fassade in der Praxis testen.
Ein Spatz beobachtet die Umgebung vor seinem Nest in der Dachkonstruktion

Vögel oder Igel: Nistfassaden schaffen Lebensräume für unterschiedlichste Tiere

Die Nistfassade ist in erster Linie für Vögel konzipiert. Hinter der Oberfläche befinden sich Räume, die als Nisträume für verschiedene Vogelarten geeignet sind. Im ersten Versuchsaufbau wurden so Nistplätze für Haussperlinge und Hausrotschwänze geschaffen. Das ist jedoch nicht alles. Die Nistfassade reicht bis zum Boden und kann so auch Tieren, die dort leben, einen Schutz- und Rückzugsort bieten. Vor allem geht es um Igel, die immer mehr Probleme haben, in urbanen Umgebungen einen sicheren Lebensraum zu finden. Weil das Modell durch die digitale Planung sehr einfach anzupassen ist, kann die Nistfassade auch für andere Tiere umgestaltet werden. Durch eine Änderung der Abmessungen könnten auch größere oder kleinere Vogelarten in der Fassade Unterschlupf finden.

Das Ziel ist es, biodiversitätsfördernde Fassadenelemente zu schaffen. Durch Lösungen wie die Nistfassade erhalten lokale Tierarten Lebensräume in Bereichen, die sonst keinen Platz neben den Menschen lassen.

Hitzewelle auf einer Großstadt mit glühendem Sonnenhintergrund

Vorteile auch für Menschen: Diese Eigenschaften bieten die neuen Nistfassaden

Was das neuartige Konzept der Nistfassade noch interessanter macht, sind seine weiteren Vorteile:
  • Positives Mikroklima in städtischen Umgebungen
  • Passiver Hitzeschutz ohne Energieverbrauch oder Lärm durch spezielle Geometrie (Selbstverschattung)
  • Förderung der Biodiversität in Städten
  • Einfache Wartung durch modulare Bauweise
  • Verwendung von recycelbarem, gesundheitlich unbedenklichem Ton
  • Ästhetische und ökologische Aufwertung von Fassaden
  • Beitrag zur nachhaltigen Stadtentwicklung

Nistfassaden vor allem eine Option für Sanierung

Die Nistfassaden sind in erster Linie für die Sanierung von Gebäudehüllen gedacht. Die Montage wird einfach auf den fertigen Fassadensystemen durchgeführt. Damit ist die Installation in Zusammenhang mit einer größeren Fassadensanierung oder auch separat zu einem beliebigen Zeitpunkt möglich.

Da zahlreiche Häuserfassaden im Rahmen der energetischen Sanierung aktuell sowie in den kommenden Jahren erneuert werden, bieten sich zahlreiche Chancen für die Nistfassaden. Gleichzeitig können diese dazu beitragen, die Wärmeschutzeigenschaften der Gebäude zu verbessern, an denen sie installiert werden.

Die Wartung der Nistfassaden ist ebenfalls unkompliziert. Weil sich die Fassade aus zahlreichen kleinen Modulen zusammensetzt, lassen sich einzelne Module entfernen und erneuern, sofern dies erforderlich ist. Dadurch ist eine lange Lebensdauer mit geringen Wartungskosten möglich.

KI-generiertes Bild mit einem Mechaniker bei der Wartung, einer Sanduhr mit der Überschrift lange Lebensdauern und einem Bild mit Kostenreduzierung mit absteigendem Graph und erneuerbaren Energien im Hintergrund

Die zentralen Herausforderungen bei der Entwicklung der Nistfassaden waren die Suche nach dem passenden Material sowie die Konstruktion. So musste die fertige Lösung möglichst einfach zu montieren und vor allem mit einem breiten Spektrum an Fassadentypen kompatibel sein. Es waren einige Tests notwendig, um die passende Tonmischung zu finden, die für den 3D-Druck geeignet ist und gleichzeitig die optimalen mechanischen Eigenschaften besitzt. Gleichzeitig musste das Material die Anforderungen der tierischen Bewohner erfüllen.

Energieeffizienz-Bewertungsdiagramm auf einem Schreibtisch mit einem Holzhausmodell, Taschenrechner, Gliedermaßstab, Zirkel, Bleistift und einer Computertastatur
Die TU München arbeitete aus diesem Grund mit der Industrie zusammen, um technisch umsetzbare Lösungen zu finden. Die Nistfassade sollte vor allem auch praktisch einsetzbar sein und kein reines Schauprojekt werden.

Die Tonality GmbH war als Partner der Industrie in die Entwicklung involviert und trug dazu bei, die Fassade zur Fertigungstauglichkeit zu bringen. Bis zu einem breiten Einsatz der neuartigen Nistfassaden fehlen nun noch Erfahrungswerte und eine Zertifizierung.

Die Forschenden wollen über drei Jahre lang Erfahrungen und Daten am Prototypen sammeln. Die Zertifizierung soll durch den TÜV Süd stattfinden. Danach soll der Einsatz als genormtes Standardbauteil möglich sein, was den praktischen Einsatz deutlich vereinfacht.
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