Die Suche nach umweltfreundlichen und nachwachsenden Materialien verändert schrittweise die Bauindustrie. Im Fokus stehen die Kreislaufwirtschaft und die Suche nach Alternativen zu mineralischen Baustoffen. Mit Hanf schickt sich eine altbekannte Nutzpflanze an, Lösungen für viele Bereiche im Bausektor bereitzustellen. Forschung und kreative Herangehensweisen machen Hanf zu einem vielseitigen Baustoff mit zahlreichen Vorteilen.
Hanf: In diesen Formen kommt die Pflanze in Baustoffen zum Einsatz
Der Einsatz von Hanf als Baumaterial ist keine neue Erfindung. Nachweislich wurde Hanf bereits 6000 vor Christus für Bauten genutzt. Später verdrängten Ziegel und in der Neuzeit Materialien wie Beton oder mineralische Bausto ffe die Naturfasern. Es handelt sich also eher um eine Wiederentdeckung eines bewährten Baumaterials als um eine Innovation.
Bereits seit einiger Zeit hat sich Hanf als Dämmmaterial einen Marktanteil zurückgeholt. Hanf wird in Form von Matten, Rollen und vielen anderen Varianten angeboten. Möglich sind ebenfalls verschiedene Dämmoptionen auf Basis von Hanf. Dieser ist vergleichbar mit bekannten Dämmmaterialien wie Mineralfaserwolle und lässt sich als Alternative einsetzen.

Eine neuere Erfindung sind Hanfsteine. Dabei handelt es sich um in Form gepresste Steine, die auf Hanf und Kalk basieren. Am ehesten vergleichbar sind Hanfsteine mit Porenbeton. So stellen die Steine gleichzeitig die tragende Struktur und die Wärme- und Schalldämmung dar. Hanfbeton fällt in eine ähnliche Kategorie. Bei Hanfbeton handelt es sich trotz des Namens nicht um Beton. Viel mehr ist es ebenfalls eine Mischung aus Hanf, Kalk und Wasser, die ähnlich wie Beton verarbeitet wird.
Hanfkalk ist ein weiteres Baumaterial, das ähnlich zusammengesetzt ist wie Hanfsteine und Hanfbeton. Hanfkalk basiert auf den Schäben der Pflanze. Das sind die verholzten Bereiche an den Stängeln der Hanfpflanze. Hanfkalk zählt zur Klasse der Dämmstoffe und wird ähnlich wie ein Dämmputz verarbeitet. So eignet sich Hanfkalk als Innendämmung und kommt an Wänden, Decken und Böden zum Einsatz.
Hanf als Baustoff erfüllt die aktuellen Anforderungen an Baustandards
Im modernen Bau ist eine Reihe von Vorgaben einzuhalten. Baumaterialien müssen aus diesem Grund spezifische Eigenschaften mitbringen, um überhaupt als Lösung infrage zu kommen. Ein wichtiger Punkt sind die Wärmedämmeigenschaften. Die Mindestvorgaben setzen die Standards für das KfW-Effizienzhaus.
Jetzt kaufen
Hanf hat grundsätzliche eine niedrige Wärmeleitfähigkeit. Das ist auf die Struktur der Fasern zurückzuführen. Durch moderne Produktionstechniken lässt sich diese Eigenschaft noch deutlich verbessern. Beispielsweise erreichen Hanfsteine mit einer Stärke von 40 Zentimetern einen U-Wert von 0,18. Bei einer Wanddicke von 45 Zentimetern erfüllen Hanfsteine sogar den Passivhaus-Standard. Damit ist ein Wandaufbau ohne zusätzliche Dämmung möglich, was deutliche Vorteile mit sich bringt.
Ebenfalls erfüllen viele Baumaterialien auf Basis von Hanf die hohen Anforderungen des Brandschutzes. Das gilt besonders für Baustoffe, bei denen Hanf mit Kalk gemischt ist, also Hanfkalk, Hanfsteine und Hanfbeton. Durch die Verbindung von Kalk und dem Hanf erfolgt eine Mineralisierung in den Fasern, die später verhindert, dass das Material brennt. So erreichen diese Baumaterialien die Brandschutzklasse B-s1, d0 und sind meist dementsprechend zertifiziert. Diese Klasse bezeichnet Baustoffe, die schwer entflammbar sind und keinen Rauch absondern.

Weiterhin spielt gerade im Bereich des Wohnungsbaus der Schallschutz eine wichtige Rolle. Baumaterialien aus Hanf erreichen auch hier gute Werte, die auf dem Niveau anderer Schallschutzlösungen liegen. Beispielsweise liegt das Schalldämmmaß bei einer Wand, die aus 38 Zentimetern Hanfstein mit Verputzung aus Hanf besteht, bei etwa 48 Dezibel. Hanfkalk-Wandsysteme erreichen sogar einen Schallschutz zwischen 57 und 66 Dezibel. Die Anforderungen des Schallschutzes nach DIN 4109 für verschiedene Wohnbereiche, die bei bis zu 57 Dezibel liegen, erreicht Hanf als Baustoff somit auf jeden Fall.
Vorteile von Hanf im Bausektor
Hanf bringt eine Reihe von positiven Eigenschaften mit. So ist die Pflanze für den Einsatz als Baustoff prädestiniert, da sie keinerlei giftige oder anderweitig gefährliche Stoffe in die Raumluft von Gebäuden abgibt. Da Wände, Decken und Böden aus Hanf oder mit Hanf isolierte Bereiche Schall sehr gut absorbieren, dringen auch keine störenden Geräusche von außen und aus anderen Räume ein. Gleichzeitig reguliert Hanf das Raumklima und beeinflusst so die Wohneigenschaften im ganzen Jahr positiv. Hanfputz oder Wände aus Hanfsteinen nehmen überschüssige Luftfeuchtigkeit auf und geben sie auch wieder ab. Im Gegensatz zu Wänden aus Verbundmaterialien ist die Gefahr für Schimmelbildung extrem gering. Das liegt daran, dass die Oberflächen und das Material diffusionsoffen sind. Überschüssige Feuchtigkeit diffundiert so durch die Hanfwände.
Diese Eigenschaft hat noch einen interessanten Nebeneffekt. Während der Regulierung der Luftfeuchtigkeit in den Wänden entsteht Kondensationsenergie. Diese hat den Effekt einer natürlichen Klimaanlage. Gerade im Sommer sorgt das für eine natürliche Kühlung der Raumluft – und das ohne teure externe Energie. Der beigemischte Kalk in Hanfsteinen und Hanfbeton bringt weitere positive Eigenschaften mit. Kalk besitzt einen hohen pH-Wert. Das reinigt die Raumluft und neutralisiert Gerüche. Vergleichbar sind diese Eigenschaften mit Lehmhäusern, denen ebenfalls sehr vorteilhafte Wohneigenschaften nachgesagt werden. Das Wohnklima in Häusern aus Hanf ist somit zu allen Jahreszeiten angenehm.

Hanf ist regional und klimaneutral
Bei neuen und alternativen Baustoffen spielt die Regionalität eine wichtige Rolle. Rohstoffe und Baumaterialien legen oft lange Strecken zurück, bevor sie am Bestimmungsort ankommen. Das verschlechtert nicht nur die Klimabilanz, sondern erhöht auch die Gesamtkosten für Bauprojekte. Aufgrund steigender Transportkosten sowie der zunehmenden Rohstoffknappheit bei mineralischen Baustoffen sind dies Faktoren, die immer wichtiger werden.
Hanf punktet hier auf ganzer Linie. Zum einen ist der Anbau regional und großflächig möglich. Nutzhanf wird in der EU bereits auf einer Fläche von über 33.000 Hektar angebaut – Tendenz steigend. Führend ist Frankreich, und auch Deutschland zählt zu den größten Anbauländern. Das sorgt für kurze Transportwege.
Zum anderen ist Hanf als Baumaterial klimaneutral, da es aus einem nachwachsendem Rohstoff besteht. Tatsächlich besitzen viele Baustoffe auf Hanfbasis aufgrund dieser Eigenschaften sogar eine negative CO2-Bilanz. Das liegt daran, dass Hanf mehr CO2 bindet, als für den Anbau und die Verarbeitung zum Baustoff investiert werden muss. Aus diesem Grund erfüllt Hanf nicht nur die Eigenschaften eines Null-Karbon-Hauses, sondern dient als CO2-Speicher. Ein Reihenhaus aus Hanfbeton mit einer Grundfläche von 52 Quadratmetern hat einen negativen CO2-Fußabdruck von etwa 30 Tonnen.
Schlussendlich spielt Hanf seine Vorteile auch am Ende vom Lebenszyklus aus. Das Recycling dieses Materials ist problemlos möglich, da keinerlei Bindemittel oder chemischen Stoffe verarbeitet sind. Aus diesem Grund ist der Umgang mit Hanfbaustoffen vollkommen ungefährlich, was den Abbruch von Bauten vereinfacht. Zudem ist das Material als Baustoff vollständig wiederverwendbar.
