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15. April 2022  (aktualisiert am 11. Juli 2025)

Digitalisierung in Handwerksbetrieben

von  Ulrich Wolf | 7 Min. Lesezeit | #Digitalisierung  #BIM  #Apps  #Aufmaß  #Auftrag 

Die Digitalisierung und Rationalisierung von Prozessen ist in vielen Bereich des Roh- und Ausbaus, in den Planungsbüros, aber zunehmend auch in den Handwerksbetrieben weit gediehen. Angebote, Aufmaße, Arbeitszeiten oder Rechnungen werden schon seit geraumer Zeit digital erstellt oder erfasst. Aber die Branche muss besser werden, die angebotenen Lösungen reichen von der einfachen Smartphone-App bis zum komplexen Building Information Modelling (BIM).

Fehlerhafte Kommunikation, mangelnde Absprachen zwischen den Gewerken, unterschiedliche, Datenformate und Software bestimmen noch immer den Planungs- und Baualltag. Teure Fehler, Termin- und Kostenüberschreitungen sowie geringere Produktivitäten sind dabei oft die Folge. Während in anderen Industriezweigen durchgängige digitale Prozessketten von der Konzeption über die Planung und Entwicklung bis zur Fertigung längst Standard sind, gibt es am Bau noch viel Aufholbedarf.

Aufholen muss die Branche, denn auch sie muss sich den gerade anstehenden Herausforderungen wie Ressourcenknappheit, dem Klimawandel und der fortschreitenden Globalisierung stellen. Im Gegensatz zu etwa der Automobilindustrien handelt sich im Bauwesen aber in den seltensten Fällen um eine Serienfertigung, vielmehr ist hier Losgröße 1 das entscheidende Merkmal. Dennoch lässt sich über die Digitalisierung der Planungs- und Bauabläufe die Effizienz und die Produktivität erheblich steigern.

Zwei Handwerker mit iPad in der Hand stehen auf Baustelle

Die einfachste Lösung: Apps

Mittlerweile sind eine Menge Apps auf dem Markt, die den Baustellenalltag gerade für den Chef leichter machen. Dabei bietet keine dieser Apps das gesamte Rund-um-sorglos-Paket, die interessanteste Funktion ist sicher die der Baudokumentation: Die konventionelle Erfassung von Baustellenaktivitäten, die Dokumentation des Baufortschritts, von Behinderungen, Materialfehlern oder Ausführungsmängeln von Subunternehmen oder die Erstellung von Bautagesberichten war bisher zeit- und arbeitsaufwendig: Vor-Ort-Daten wurden schriftlich notiert und anhand von Fotos dokumentiert.

Dokumentationen, Berichte oder Mängelrügen wurden später im Büro mit Office-Programmen erstellt und per Post an Projektbeteiligte verschickt. Kopien wurden in Ordnern abgelegt und auf Wiedervorlage gelegt. Das alles machen moderne Apps auf dem Smartphone oder dem Tablet überflüssig: Hier werden die Vor-Ort-Daten direkt in Wort und Bild digital erfasst und sofort zugeordnet. Das erübrigt das nachträgliche Eintippen, Sortieren, Zuordnen und Verorten der Daten.

Da bei der Mängelverfolgung oder Bautagesberichten oft auch rechtliche Aspekte zu beachten sind, unterstützen einige Apps die Anwender auch beim Erstellen rechtssicherer Unterlagen oder der Verfolgung von Fristen. Neben Dokumentationsfotos lassen sich auch gescannte Pläne, Planausschnitte oder Dokumente einbinden, teilweise auch Sprachnotizen oder Videosequenzen, Fotos können in einfacher Form bearbeitet (Größe, Ausschnitt etc.) und mit Hinweispfeilen, Maßen und Bildkommentaren ergänzt werden.

Baustellen dokumentieren oder Mängel erfassen können alle dafür ausgelegte Apps mehr oder weniger gut. Entscheidend ist, welche Funktionen und Automatismen die Software für die daran anschließende Weiterbearbeitung, Verwaltung und Auswertung bietet, denn hier steckt der eigentliche Arbeits- und Organisationsaufwand. Wichtig ist hier, dass eine Einbindung in die bestehende Bürosoftware-Umgebung besteht und es funktionierende Schnittstellen für eine Datenübernahme und einen Datenabgleich gibt.

Frau in Warnweste mit Tablet steht auf einer Baustelle

Arbeiten in der Cloud

In jeder Phase des Bauablaufs ist es günstig, die Daten dort zu erfassen oder abzurufen, wo sie gerade gebraucht werden. Sogenannte Cloud- oder auch Mobile Computing-Lösungen sind plattform-, zeit- und ortsunabhängig nutzbare Programme und Daten, die über jedes mit dem Internet verbundene Endgerät abgerufen werden können. Genauso ist diese mobile Datenbank von jedem Smartphone oder Tablet aus auch zu füttern, etwa wenn das Aufmaß vor Ort mit dem Laserscanner oder die Baudokumentation über die zugehörige App sofort hinterlegt werden.

So lassen sich Mehrfacheingaben, unterschiedliche Datenstände und Terminverzögerungen vermeiden, zudem spart man Zeit (und Papier!), zudem ist das digitale Vorgehen weit weniger fehleranfällig. In immer mehr Bausoftware-Lösungen werden die nötigen mobilen Funktionen gleich mitgeliefert, zum Beispiel für die Zeiterfassung oder die Material-/Ressourcenplanung etc. Das ermöglicht einen durchgängigen Datenfluss vom Büro auf die Baustelle und zurück.

Apropos Software: In einem Bereich hinkt die Digitalisierung den schon längst vorhandenen Möglichkeiten besonders hinterher – bei der Rechnungsstellung, die immer noch gerne ausgedruckt per Post verschickt wird. Elektronische Rechnungen sind Rechnungen, die auf elektronischem Weg erstellt, übermittelt und empfangen werden. Das bietet viele Vorteile: Zunächst einmal spart man Zeit und Material, weil Rechnungen nicht mehr ausgedruckt, gefaltet, in den Briefumschlag gesteckt und zur Post oder zum nächsten Briefkasten gebracht werden müssen.

Per E-Mail versandte Rechnungen sind zudem viel schneller beim Kunden als per Post. E-Rechnungen lassen sich zudem im Computer per Suchbefehl schneller finden als in einem Ordner abgelegte Papierbelege. Echte Einsparungen sind aber nur dann zu realisieren, wenn nicht nur die Erstellung, Versendung, Übermittlung und Annahme, sondern auch die weitere Verarbeitung einer Rechnung vollständig digital und automatisiert ablaufen. Das heißt, dass auch der Empfänger die Rechnungsdaten digital weiterverarbeiten kann.

Im Idealfall lassen sich E-Rechnungen direkt ins System buchen, prüfen und beispielsweise Zulieferer-Rechnungen per Bestelldaten-Abgleich automatisch freigeben. Auch die Ablage und Archivierung ist einfacher. Jede Rechnung muss innerhalb der zehnjährigen Aufbewahrungsfrist lesbar sein.

Die High-End-Lösung: BIM

Den höchsten Grad an Digitalisierung bietet die BIM-Methode. BIM steht für „Building Information Modelling“ und heißt, dass alle relevanten Daten während der Planung, des Baus und auch der späteren Bewirtschaftung eines Gebäudes in ein einzige Software eingepflegt werden und für alle Baubeteiligten zur Verfügung stehen. Das Bauobjekt ist in der Regel auch als virtuelles 3-D-Computermodell hinterlegt. Enorm wichtig (und oft genug auch der Haken) ist, dass wirklich ALLE Baubeteiligten und Gewerke ihre jeweiligen Daten in der Software hinterlegen und auch gegebenenfalls aktualisieren.

BIM entwickelt sich mittel- und langfristig zu einem Standard und unterstützt damit den nächsten technologischen Schritt. Auf der Grundlage der 3-D-Gebäudedatenmodellen, klar definierten Verantwortlichkeiten, Qualitätsvorgaben, Koordinations- und Kommunikationsabläufen ermöglicht BIM statische, bauphysikalische oder energetische Optimierungen. Kosten, Mengen und Stücklisten werden aus dem 3-D-Modell generiert und bei Änderungen aktualisiert, ebenso wie alle aus dem 3-D-Modell automatisch abgeleiteten Fertigungs- und Montagepläne.

Mit Hilfe so genannter Modellchecker lassen sich BIM-Modelle nicht nur auf Kollisionen und Fehler überprüfen – sie können darüber hinaus auch für automatisierte Prüfungen auf Normenkonformität (Brandschutz, Schallschutz, Energieeinsparung, Barrierefreiheit etc.) eingesetzt werden. Seit dem 31. Dezember 2020 gilt für alle öffentliche ausgeschriebenen Infrastrukturprojekte eine generelle BIM-Empfehlung. Seit Ende 2022 ist die Nutzung von BIM auch bei Hochbauten ein Muss. Auch viele privatwirtschaftliche Ausschreibungen sind mittlerweile an die Verwendung eines BIM-Modells durch die anbietenden Handwerksbetriebe geknüpft.

Quo vadis, Bau?

Mit BIM – so es denn flächendeckend genutzt wird – und weiteren, parallelen Entwicklungen wie die KI (künstliche Intelligenz) wird sich das Bauwesen weiter hin zur „fabrikmäßigen“ Vorfertigung und zur automatisierten Montage entwickeln. Die eigentliche Bauphase wird kürzer, die Planungs- und Optimierungsphase hingegen deutlich länger, wie jetzt schon im Holzbau zu beobachten. Die große Herausforderung besteht darin, die Vielzahl an Arbeitsschritten, Akteuren, Softwarewerkzeugen, Abhängigkeiten und unterschiedlichen qualitativen Anforderungen abzustimmen.

Und eines ist auch klar: Auf das handwerkliche Know-how kann auch in einem digitalisierten Bauwesen nicht verzichtet werden.

Portrait Ulrich Wolf

Ulrich Wolf

Ulrich Wolf gehört zum Management Programm der Fachzeitschrift bmH bauen mit Holz im Kölner Bruderverlag. Seit 25 Jahren arbeitet der ausgebildete Zimmerer als Redakteur für verschiedene Fachzeitschriften aus dem Bau-, Ausbau- und Do-it-yourself-Bereich. Knapp zehn Jahre lang betrieb er eine Agentur, die Foto- und Videoproduktionen sowie Fachtexte für Redaktionen und Unternehmen aus diesen Fachbereichen realisierte.

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