Die Stahlindustrie gehört traditionell zu den wichtigsten Industriezweigen in Deutschland. In der jüngeren Vergangenheit sieht sich diese Branche jedoch mit einer Reihe von Herausforderungen konfrontiert. Dazu zählen die Klimaziele, steigende Energiepreise und der wachsende Druck durch die internationale Konkurrenz. In welche Richtung wird sich also die Stahlindustrie in Deutschland und Europa entwickeln?
Stahl: Auch in Zukunft ein unverzichtbarer Roh- und Baustoff
Stahl ist ein gefragter Rohstoff. Viele Branchen benötigen große Mengen an Stahl für die Produktion unterschiedlichster Güter. Dazu gehören die Automobilbranche und der Maschinenbau, die ebenfalls zu den Eckpfeilern der deutschen Wirtschaft zählen. Mit einem Anteil von 37 Prozent der gesamten europäischen Stahlproduktion ist allerdings die Baubranche der größte Abnehmer.
Doch auch andere Branchen sind von hochwertigem Stahl sowie den Preisen abhängig. In diesem Zusammenhang sind vor allem Produkte zu nennen, die mit der Energiewende in Verbindung stehen. Windkraft- und Photovoltaikanlagen benötigen ebenso Stahl wie die Fertigung von Wärmepumpen.
Angesichts dieser Umstände ist es nicht verwunderlich, dass die Produktion von Stahl immer weiter zunimmt. Im Jahr 2018 lag die weltweite Produktion bei knapp 1.800 Millionen Tonnen. Gegenüber dem Jahr 2000 ist dies mehr als eine Verdoppelung – Tendenz steigend.

Treiber der Nachfrage sind vor allem Länder wie China und Indien. Hier sorgen Faktoren wie der wirtschaftliche Aufschwung und die hohe Bevölkerungszahl für einen deutlichen Schub im Bausektor sowie beim Konsum von Gütern, die Stahl benötigen – wie etwa Autos. In China schreitet zudem die Urbanisierung im hohen Tempo voran, und das Land steht – wie Europa auch – vor der Herausforderung, die Energieversorgung der Zukunft zu gestalten. Damit ist auch mittelfristig mit einem weiter steigenden Bedarf am Rohstoff Stahl zu rechnen.
Deutschland als bedeutender Standort der weltweiten Stahlproduktion
Mit Stand 2021 ist Deutschland nach wie vor der größte Stahlproduzent innerhalb der Europäischen Union. Die jährliche Produktion liegt bei etwa 40 Millionen Tonnen. Gemessen an der weltweiten Produktion stand Deutschland im Jahr 2021 auf Platz acht, die gesamte EU ist nach China der zweitgrößte Hersteller von Stahl. Dabei produzieren deutsche Stahlunternehmen nicht nur für den heimischen Markt, sondern exportieren auch bedeutende Mengen an Rohstahl.
So ist Deutschland im Bereich des Exports weiterhin einer der wichtigsten Player auf dem globalen Markt. Als fünftgrößter Exporteur ist es für einheimische Unternehmen wichtig, wettbewerbsfähig mit der internationalen Konkurrenz zu bleiben.
Entscheidend für die Situation auf dem globalen Markt ist neben der Qualität auch der Preis. Da die Stahlindustrie zu den besonders energieintensiven Industrien zählt, hängt die Wirtschaftlichkeit der Produktion vor allem von den Energiepreisen ab. Schon im Jahr 2015 erzeugte China einen enormen Überschuss, der die gesamte Produktion Deutschlands übertraf, und setzte diesen auf dem Weltmarkt ab. Der Vorteil der Produkte aus China ist vor allem der Preis, und so importieren auch Staaten der EU vermehrt aus Fernost.
Die Energiepreise, die in Deutschland sowie Europa vor allem seit Frühjahr 2022 enorm angestiegen sind, drücken also einerseits die Wettbewerbsfähigkeit des Stahls auf dem globalen Markt. Andererseits beeinflusst Stahl als wichtiger Rohstoff in vielen Branchen auch die Preise einer Reihe von Endprodukten. Das zeigt sich beispielsweise an steigenden Preisen von Neufahrzeugen und auch an vielen Punkten im Bausektor. So stiegen auf dem deutschen Markt seit Beginn von 2021 die Preise für Betonstahl, Roheisen und Ferrolegierungen um 60 bis 80 Prozent.
Die Weitergabe der Kosten sorgt dafür, dass der Bausektor ebenfalls mehr für seine Leistungen in Rechnungen stellen muss. Das beeinflusst die gesamte Bandbreite im Bau – vom Markt für Einfamilienhäuser bis hin zu Großprojekten wie Windparks. An diesem Beispiel zeigt sich, wie wichtig die Stahlindustrie und vor allem stabile Produktionspreise für den Bausektor sowie weitere Bereich der Wirtschaft sind.
Das Handlungskonzept Stahl der Bundesregierung
Den Entscheidungsträgern ist die Bedeutung der Stahlindustrie durchaus bewusst. Aus diesem Grund präsentierte die damalige Bundesregierung unter Kanzlerin Angela Merkel im Juli 2020 das Handlungskonzept Stahl.
Bei diesem Konzept stehen vor allem zwei Punkte im Fokus: zum einen die Umstellung auf eine klimafreundliche Stahlproduktion und zum anderen die Chancengleichheit auf dem globalen Markt. Damit sind zwei der zentralen Herausforderungen der deutschen und europäischen Stahlindustrie auf den Punkt gebracht.

Die Bundesregierung hat sich dazu verpflichtet, bis zum Jahr 2050 die landesweiten CO₂-Emissionen um 95 Prozent zu reduzieren. Dieses Ziel lässt sich nur durch eine Dekarbonisierung von industriellen Prozessen erreichen. Für die Stahlproduktion bedeutet dies, dass eine Umstellung der Produktionsprozesse erforderlich ist.
Mit einem Carbon-Leakage-Schutz will die EU zudem die einheimische Stahlindustrie vor Importen aus Ländern schützen, in denen unter schlechteren Umweltbedingungen produziert wird. Gleichzeitig soll dies auch die Abwanderung europäischer Unternehmen in solche Länder unterbinden. In Form vom Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) gibt es seit 2023 ein entsprechendes System. Mit CBAM werden unter anderem Stahlimporte aus Drittländern wie eben China meldepflichtig. Für die eingeführten Mengen müssen Unternehmen dann CO₂-Zertifikate erwerben, die ab 2026 kostenpflichtig sein sollen.
Klimaschutz und Nachhaltigkeit in der Stahlindustrie: So soll Stahl umweltfreundlicher werden
Die Stahlindustrie wird häufig für die schmutzigen Produktionsverfahren und den hohen Energiebedarf kritisiert. Tatsächlich trifft dies ebenfalls auf die klassische Verfahrensweise mit dem Hochofen zu. In Deutschland ist der Hochofen mit einem Anteil von knapp 70 Prozent im Jahr 2020 weiterhin die dominierende Produktionstechnik. Elektroöfen haben einen Anteil von knapp 30 Prozent, andere Verfahrenstechniken spielen noch keine bedeutende Rolle.
Der Hochofen wird mit Koks, also einem Produkt auf Basis von Kohle, befeuert. Lange Zeit war Kohle vor allem in Deutschland lokal verfügbar und günstig. Die Produktion einer Tonne Stahl im Hochofen erzeugt zwischen 1,37 und 2,1 Tonnen CO₂. Laut Berechnungen des Bundeswirtschaftsministeriums ist die Stahlindustrie damit allein für rund ein Drittel der klimaschädlichen Treibhausgas-Emissionen der Industrie verantwortlich. Auch aus diesem Grund steht Kohle inzwischen als einer der schmutzigsten fossilen Brennstoffe auf der Liste der unerwünschten Energieträger. Möglichst schnell sollen Prozesse mit Kohle daher vollständig durch umweltfreundlichere Energieträger ersetzt werden.
Alternative Prozesse befinden sich bereits in der praktischen Erprobung. Dazu zählt vor allem der sogenannte grüne Stahl. Hier ersetzt Wasserstoff das Koks, was den Prozess dekarbonisiert. Für die Umstellung der Prozesse wird jedoch viel Wasserstoff benötigt, was auch in diesem Bereich eine deutliche Steigerung der Produktionskapazitäten erfordert. Die Stahlindustrie benötigt bereits bis 2030 eine hohe Verfügbarkeit des noch vergleichsweise knappen und teuren Wasserstoffs. Zudem muss für eine wirkliche Klimaneutralität der Produktionsprozesse auch der Wasserstoff vollständig grün und somit ebenfalls nachhaltig erzeugt sein.
