Das Statistische Bundesamt verzeichnete 2018 bundesweit ein Aufkommen von 228 Millionen Tonnen von Bau- und Abbruchabfällen. Das machte für dieses Kalenderjahr einen Anteil von 55 % am Gesamtabfallaufkommen aus. Knapp zwei Drittel der Abfälle von Baustellen entfallen auf Aushub und Steine. Rund 20 % sind reiner Bauschutt und etwa 7 % stammen aus dem Straßen- und Wegebau. Circa 10 % werden durch Bauholz, Glas und sonstige Bauabfälle verursacht.

Vor diesem Hintergrund hat die Bundesregierung am 10. Mai 2021 eine Mantelverordnung erlassen, welche die Regeln zum Recycling von Baustoffen enthält. Darin eingeschlossen sind Neufassungen verschiedenster Verordnungen und Gesetze:
- Ersatzbauverordnung,
- Ersatzstoffverordnung,
- Bundes-Bodenschutz- und Altlastenverordnung,
- Deponieverordnung
- und die Gewerbeabfallverordnung.
Damit gelten erstmals bundesweit einheitliche Regeln im Bereich Recycling von Baustoffen, aber auch bei der Beseitigung von Schadstoffen. Zuvor waren in den 16 Bundesländern jeweils eigene Regeln gültig, die teils stark voneinander abwichen. Diese Verordnungen und Gesetze verloren mit Inkrafttreten der Mantelverodnung ihre Gültigkeit.
Baubranche kann branchenübergreifend Baustoffe generieren
Fakt ist, dass die Hersteller bestimmter Baumaterialien bereits in großem Umfang ihre Produkte mit Recyclingmaterial herstellen oder zumindest Teile davon aus der Materialrückgewinnung stammen. Dazu gehören vornehmlich:
- Spanplatten aus Abfällen der Holzindustrie,
- OSB-Platten, die teils auch aus Restholz / Fallholz gefertigt werden,
- Cement-Boards, bei denen Glasfasern aus der Altglasrückgewinnung verarbeitet werden,
- Kunststoff-Paneele für Böden und Fassaden, die teils aus recycelten Kunststoffen und / oder aus Glasfasern sowie Holzspänen bestehen,
- Fliesen: aus den Resten in Steinbrüchen, bei Steinmetzbetrieben oder den Abfällen aus dem Zuschnitt von Natursteinplatten,
- Kunststoffbauteile wie Fensterrahmen, Türen und Tore, Gartenzäune oder Wandelemente, die ebenso mit rückgewonnenen Rohstoffen produziert werden.
Die bauausführende Industrie hinkt dem Recyclingtrend hinterher
Bislang wird Bauschutt nur zu einem kleinen Teil wiederverwendet. Zudem wird das Material dann vorzugsweise als Unterfütterung im Straßenbau eingesetzt. Dabei könnten eingerissene Wände aus Ziegeln, Mauerstein oder Beton durchaus wiederverwendet werden und dabei helfen, neue Wände und Decken zu erstellen. Was fehlt, ist eine intensivere Nutzung des Rohstoffs Bauschutt. Dazu wäre es notwendig, den Bauschutt auf eine geeignete Größe zu verkleinern und die metallischen Komponenten zu entnehmen. Letztere lassen sich durchaus zu neuem Baustahl verarbeiten. Der mineralische Teil des Bauschutts kann für die Herstellung von Mauersteinen verwendet werden oder als Zusatz in einem Beton seine Bestimmung finden. Güteprüfungen haben zumindest bewiesen, dass ein solcher Beton in keiner Weise einem Beton üblicher Herstellungen nachsteht. Im Gegenteil, denn bei einigen Versuchen ergab sich, dass die Druckfestigkeit des Betons durch die Zugabe von geeignetem und aufbereitetem Bauschutt erhöht werden kann.
Mülltrennung auch auf Baustellen
Um aus Recyclingmaterial ein Baumaterial von hoher Güte herzustellen, muss der Bauschutt eine gewisse Qualität mitbringen. Bislang landen noch immer Holzbalken, Steine, Zementreste, Gips, Glas, Dämmstoffe und Metalle als schwer sortierbares Gemisch im Bauschutt-Container, was dem Willen zur Wiederverwendung entgegensteht. Wünschenswert wäre deshalb ein System zur Trennung von Bauschutt in seine wichtigsten Bestandteile, so wie es in Privathaushalten mit dem Gelben Sack, der grünen Tonne und dem Restmüll erfolgreich praktiziert wird.
Junge Unternehmen zeigen neue Wege auf
Es sind in ganz Deutschland Unternehmen zu finden, die aus Bauabfällen neue Produkte entstehen lassen. Auch weltweit haben sich etliche junge Firmen diesem Ziel verschrieben mit zum Teil erstaunlichen Ergebnissen.
Fliesen aus Bauschutt
In Kassel wagte sich eine Jungunternehmerin daran, aus Ziegeln von Abbruchhäusern und aus altem Fensterglas hochwertige, überaus dekorative Designer-Fliesen herzustellen. Diese Fliesen entstehen ohne jegliche weitere Zusätze zu 100 % aus Recyclingmaterial. Zudem ist Shards auf bestem Wege, die Fliesenproduktion klimaneutral zu gestalten. Inzwischen werden Fliesen in verschiedensten Farben und Designs angeboten. Zudem gehören Wandfliesen sowie Bodenfliesen zum Programm. Diese werden in glatten und rauen, besonders rutschfesten Ausführungen angeboten.
Resourcify aus Hamburg setzt auf Vernetzung
Das Start-up Resourcify bietet eine Plattform, durch die Bauschutt direkt einer neuen Verwendung zugeführt werden kann. Ziel ist es, die Unternehmen der Baubranche miteinander zu vernetzen. Dabei wird nicht nur Bauschutt von einer Baustelle zur nächsten verlagert. Auch Restmaterialien von Baustellen können über die Plattform angeboten und angekauft werden.
Polycare mauert Wände ohne Zement
In Suhl in Thüringen ist mit Polycare ein Jungunternehmen angesiedelt, welches mit einem neuartigen Mauerstein bereits weit über 100 Häuser errichtet hat – allerdings in Afrika. Außergewöhnlich an diesem Mauerstein ist, dass er aus recyceltem Bauschutt sowie Sand besteht und der Zement durch ein Kunstharz ersetzt wurde. Bei gleichem Volumen werden mit diesem Stein rund 75 % des Materials gespart. Obendrein werden die Steine durch ein Stecksystem miteinander verriegelt und anschließend durch einen Baustahl fest verspannt, sodass kein Mörtel verwendet werden muss. Ein solches Haus ist einfach und sehr schnell zu errichten – und kann bei Bedarf sogar wieder abgebaut werden. Die Steine lassen sich dann erneut verwenden. Diese sogenannten Polyblocks verursachen bei der Herstellung 60 % weniger CO2 als ein herkömmlicher Mauerstein. Zudem sind diese Polymerbetonsteine höher belastbar, frostsicher und absolut wasserdicht. Durch das einfache Stecksystem können zwei angelernte Arbeiter die Wände eines Hauses mit rund 60 Quadratmetern Wohnfläche ohne weitere Hilfe in nur zwei Tagen fertigstellen.
C³ – Carbon Concrete Composite
Das Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert dieses ehrgeizige Programm, bei dem Carbonbeton auf seine Tauglichkeit getestet wird. Dazu entsteht in Dresden das erste Haus, CUBE genannt. Der gesamte Bau erfolgt rein mit Carbonbeton, wodurch keinerlei metallische Bewehrung notwendig ist. Die erwartete Nutzbarkeit des fertigen Gebäudes wird auf 200 Jahre geschätzt. Überdies können bei diesem Bau mit 220 Quadratmetern Nutzfläche rund 80 % des sonst üblichen Baumaterials eingespart werden.
Bürogebäude 2226 in Lustenau
In Baden-Württemberg ist das Bürogebäude 2226 zu sehen. Außergewöhnlich daran ist, dass die Fassade aus Sichtbeton zu 100 % aus recycelter Gesteinskörnung aus Bauschutt gefertigt wurde.
Deton
Deton besteht zu einem Großteil aus Schaumglas, wobei zur Herstellung Altglas verwendet wird. Das wasserundurchlässige, aber atmungsaktive Material ist über die Hälfte leichter als Beton. Dabei ist es stabiler und tragfähiger als der Baustoffklassiker, obwohl beim Bauen auf jegliche Stahlbewehrung verzichtet werden kann. Zudem wurde die Menge an benötigten Zement, verglichen mit Beton, um 70 Prozent reduziert. Deton bietet hervorragende Isolationseigenschaften – bei der Schalldämmung und der Wärmedämmung. Darüber hinaus ist dieser Baustoff deutlich länger haltbar als Beton und kann am Ende seiner Lebenserwartung direkt und problemlos recycelt werden. Auch das Produkt Hasopor Verwendet als Basismaterial Schaumglas. Optisch ähnelt das Produkt gewaschenem Kies. Es kann Beton beigemischt oder als Füllstoff in Wänden und Fußböden zur Isolation eingesetzt werden.
Fazit
Die Baubranche bewegt sich und es scheint, dass die Themen Recycling und innovative Baumaterialien Fahrt aufnehmen. Werden die Voraussetzungen für eine intensive Wiederverwendung von Bauschutt und Bauabfällen geschaffen, kann die Baubranche durch einen erheblichen Rückgang des CO2-Ausstoßes glänzen. Zudem ist absehbar, dass insbesondere die neuen Baummaterialien traditionelle Produkte zumindest in Teilbereichen verdrängen werden. Erstaunlich ist bei diesem Trend insgesamt, dass gerade in neuartigen Materialien oftmals recycelte Stoffe enthalten sind oder diese vollständig daraus bestehen. Und fast immer sorgen die Hersteller dieser neuartigen Baumaterialien dafür, dass diese nach ihrer Nutzung leicht wiederverwertet werden können.
